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Philosophie am Abend

 

 

mit Sophist (und Freudianer)

 

Gottfried Kessler



Danse Macabre

 

The horror, the horror... „das Grauen“ als das letzte Wort (na gut, die letzten zwei Wörter), wussten schon Joseph Conrad und Marlon Brando, macht sich immer gut. Hat ja auch was, ist leicht verständlich, und auch für Laien nachvollziehbar.

Andererseits beobachten die Redaktion und der deutsche Buchhandel ein deutliches Nachlassen der Verkäufe im sogenannten ‚Horror‘-Genre. Das liegt daran, dass die alten Mythen mittlerweile ständig geupdatet werden.

Heutzutage kann so gut wie jeder einen Vampyr zu seinem näheren Bekannten- oder Familienkreise zählen (obwohl, wie man weiß, zumindest in Herzogsägmühle neuzeitliche Phänomene wie Co-Abhängigkeit selten bis nie vorkommen), und uns allen sind werwölfische Verhaltensweisen aus eigener Erfahrung, spätestens zum monatlichen Zahltag, bestens bekannt. – Gleiches gilt für Dr. Jekyll & Mr. Hyde (dem betroffenen Opfer sind derartige Verwandlungen nicht bewusst, aber alltäglich nach Feierabend auf dem Heimweg im Auto…). Einzig Frankensteins Monster wurde noch nicht vom Alltag assimiliert, obwohl auf Bundesebene Ursula von der Leyen (als ‚Die Braut‘. Betonfrisur, stählernes Lächeln…) hier erste Beweise liefert (und wir auf Kommunalebene neulich in der Krämerei jemanden gesehen haben, der aussah, als hätte er nachts zuvor zum Zwecke der Neueinkleidung in die Wühlkiste eingebrochen und die Taschenlampe vergessen; aber das kann, zugegeben, bestenfalls als Indiz gelten).

 

Nichtsdestotrotz, die Wahrheit ist, das tatsächliche Leben ist grauenhaft genug geworden, und wir müssen feststellen, dass zwischen gecasteten "Superstars", korrupten Politikern (oder vice versa, macht auch keinen Unterschied mehr) und der Medienmaschinerie der Grusel inzwischen zum Alltag gehört.
Wer braucht Marilyn Manson, wenn wir Michael Jackson haben, den echten Ghoul? – Golems jeder Art sind tagtäglich in Serienproduktionen der Privatsender zu verfolgen (obwohl, rein technisch, hölzern nicht das Gleiche ist wie lehmern, aber das nebenbei), und das böse Spinnenmonster, wissen schon die Kleinen, hat uns ohnehin in seinem Netz...

 

Sitzen doch Kutte Kalkowski, Atze, Keule und ich neulich am Monatsanfang gemütlich bei der Redaktionssitzung am Von-Kahl-Denkmal, als plötzlich, mir nichts, dir nichts, ein Hubschrauber über den Berg kommt, und vor uns über der Wiese schwebt!

„Herr Kessler?“ fragt eine Stimme per Megaphon. Behende von mir abrückend zeigt die Restredaktion solidarisch auf mich. „Laut automatischer Maintenance-Mail Ihres Kühlschranks ist Ihre Butter alle, das Haltbarkeitsdatum der Vollmilch ist abgelaufen, der Käse neigt sich dem Ende zu, und Ihre VisaKarte, Kessler, ist ausgereizt.“

Okay, gelogen. Isch ‘abe gar keine Visakarte. Aber so, oder so ähnlich hätte es sein können. Internetverbandelte Kühlschränke, GPS (beiderseitig), electronic banking, und Fernsehen auf dem Handy oder im Herrenklo lassen die Idee des alten Spinnenmonsters dann doch etwas überholt erscheinen.

 

(Genau betrachtet, und das schmerzt uns in der Redaktion, ist auch Satire eigentlich völlig überflüssig geworden. Denken Sie an George W. Bush, den Muppet-Präsidenten; zwei gestohlene Wahlen, und ein Trottel als Marionette; nicht mal die Amis selber glauben noch daran. Wie kann man das noch durch den Kakao ziehen, wenn der Mann schon alles selber erledigt? – Früher gab es mal ‚fly-over states‘ (North Dakota, etc.; worüber man auf dem Weg von New York nach L.A. fliegt, aber, wenn’s geht, nicht landet), mittlerweile sind die ganzen U.S. of A. eine no go area.

Wiederum technisch gesehen ist das schön; die USA werden von ihrer justizfreien, völkermordenden Geschichte eingeholt, und broadcasten das weltweit als Improvisationstheater; Land of the Living Dead. Wir voten Al Pacino als Präsident, und Jeff ‚Lebowski‘ Bridges als Innenminister. Wir verlangen Brangelina als FamilienministerIn, Arnold als Außenverteidiger, und Mel Gibson als Regierungssprecher (außerdem sollten John Goodman und Steve Buscemi aus Prinzip im Kongress sitzen, zusammen mit John Malkovich und Tom Waits, und Springsteen den Theme-Song kompostieren). Dann ginge da was, und dafür hielten wir in Problemnationen auch gerne mal den Kopf hin. – Glücklicherweise gibt es bei uns ja so etwas nicht.)

 

 – Aber egal, eigentlich gibt es ja nur fünf echte Horrorfilme (von The Shining, und dem Genre der Schlitzerfilme mal abgesehen): Nosferatu mit Max Schreck, Frankenstein mit Boris Karloff, Dr. Jekyll & Mr. Hyde mit Frederic March, The Wolf Man mit Lon Chaney (sen.), und I Walked With A Zombie. -
Alle anderen sind remakes oder Variationen, die ähnliche Thematiken mit anderen Genres verquicken. Ähnliches, nur simpler, gilt für den Mythos im Alltagsleben; es gibt Politiker, Banker, Versicherungen, Krankenkassen etc., und den Bürger; vulgo Räuber und Graser.


Man ahnt es schon, es geht um Perspektive. Der Horror zeigt das Leben aus der Sicht der Graser. Nagen am Räuber existenzialistische Fragen, warum er von Wiederkäuern umgeben ist? Nein. – Nagen solche am Graser? Auch nein. Nur, ihm gefällt es nicht, Futter zu sein; tja, Pech gehabt. So ist die Welt gemacht, rot in Zahn und Klaue, wie schon der Dichter (Willie The Shake) wusste.

Nachdem dies langsam auch vom Letzten eingesehen wird, braucht man sich abends vor der Flimmerkiste auch keine künstliche Angst mehr einjagen zu lassen, und die, ähem, Kunst das Leben auch nicht mehr zu imitieren (gilt auch für Techno, HipHop und dergleichen Wiederkäuer).

 
Gruselig und stumpf genug ist es schon geworden hier draußen; wer daran zweifelt, sollte sich mal kurz vor Feierabend für nur fünf Minuten in einem beliebigen örtlichen Drogeriemarkt still in eine Ecke stellen, und das Verhalten seiner Mitmenschen betrachten.

 

Ich persönlich bekomme, zumindest in zunehmenden Mondphasen, gelegentlich Visionen eines dementen süddeutschen Politikers, der mit wirrem Haar und langen Spinnenfingern „äh, äh, äh...“ hechelnd, und etwas von "Blumen hinrichten" faselnd auf mich zugerannt kommt. Schreiend wache ich auf... aber dann kuschele ich mich beherzt in mein Dinkelkissen, und versuche, mich gleichzeitig am Gesäß zu kratzen und ‚Ein bisschen Frieden‘ zu pfeifen; ein Multitasking-Job, der mich derart überfordert, dass ich sogleich wieder in Schlafes Arme zurück sinke.

 

Ich bin sicher, Sie kennen das.

 

Bis morgen früh dann,

 

Ihr

Gottfried Kessler



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