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SÄGEBLATT-SPECIAL: Die bessere Gesellschaft

  

mit Society-Lady Walburga Gräfin zu Reibach-Schanker

 

 

2006 im Schnelldurchlauf

 
Bonjours, citoyens!, und good day, mesch'schurs, wie schon Karl May zu sagen pflegte. Hier sind wir wieder, betraut mit der Aufgabe, Ihnen, liebe Leser, über einige High- und Lowlights gesellschaftlicher Events des vergangenen Jahres zu berichten. Gerne kommen wir dieser Verpflichtung nach, obwohl die Lebensqualität aus unserer Sicht doch deutlich abgenommen - aber schon hier die Einzelheiten zu verraten, wäre ungalant. Daher, without further ado, gleich zum ersten Ärgernis:

  

Spiele ohne Grenzen

 

Bei der Tagung „Barrierefreies Internet“ in der Deckerhalle waren anfangs die rollstuhlzugänglichen Toiletten mit unbenutzten Garderobenständern und Reinigungsutensilien zugestellt. – Lobenswert, durchaus: a) ein klares, mutiges Statement von Sensibilisierungsbedürfnis seitens einiger Ausrichter, b) na ja, die Toiletten sind sowieso noch analog (siehe ‚Demolition Man‘ mit Sylvester Stallone, einer unserer Lieblingsfilme. Insbesondere meine treue Begleiterin, Yorkshire-Terrier Mata Hari findet ihn gut, aber es gibt den Verdacht, dass sie insgeheim auf Sandra Bullock ‚steht‘, was natürlich indiskutabel ist). – Wie dem auch sei, irgendwo vermuten wir einen Zusammenhang mit der Problematik einiger Teilnehmer des sommerlichen Championskick, die, wie wir hören mussten, in mehreren Nächten in selbigen barrierefreien Toiletten die dort neben jedem Sitz angebrachten Strippen der Notrufglocken mit der Spülung verwechselten. – Mit genau welchem Handicap die spielten, oder ob es sich möglicherweise um dieselben Täter handelt, muss noch ermittelt werden.



 

 

 

Traurig allerdings, nein, schändlich der Hospitality-Service.

Wir befürchten, unsere Freiwillige Feuerwehr ist nicht

hinlänglich motiviert, was außerdienstliche Fronteinsätze angeht… Eine Epistel an den Direktor, vielleicht? –

Diese Berichterstattungen gehen zunehmend unter meine Kräfte.


Come on, baby, light my...



Auch sind wir nicht sicher, ob der Terminus "barrierefrei" Begleithunde mit einschließt. Mata Hari jedenfalls benötigte zur Stärkung einen Schluck aus mitgebrachten Vorräten, da simples Wasser für eine schlichte Dame unbestimmten Alters schlechthin unmöglich zu bekommen war. Letztendlich mussten wir sie nach Hause tragen, eine würdelose Angelegenheit, insbesondere, da der an Mata völlig verschwendete Sherry nicht zu unserer Befindlichkeit beitrug. – Obwohl ein Kapitän der Feuerwehr in einem dieser Cabrios vorbei fuhr, und „Hey, Burgi!“ rief (Frechheit! – Aber die Lederhosen...) Dennoch, kein Eintrag für’s Tagebuch. Es scheint, unsere Dienste hier sind verschwendet. – Am nächsten Nachmittag kam Mata zu sich. Auf Internet-Tagungen, haben wir uns geeinigt, gehen wir nicht mehr; dank Computer-Bestellung haben wir so einen kleinen Joystick schließlich schon zuhause.



Party ohne Gnade




"TITZ"

 

We are not amused. – Schampus: No.  Kaviar: Nix.  Schwof? Nada. – Nur etwa sechshundert Mitarbeiter und mehrere Zaungäste fanden sich zum Richtfest des neuen Tele- und IT-Zentrums (TITZ) ein, und nahmen an der Führung durch das Gebäude Teil.




Empfangsbereich

In der barrierefreien, etwa 180 m breiten zukünftigen Lounge des Gebäudes dominierten Pfirsich- und Terracotta-Farben, zusammen mit Laubsäge- und Puzzlearbeiten bürgerlicher Künstler aus dem Bereich „Menschen mit Freizeit“. Die vier Etagen der IT-Abteilung hingegen waren durch vorsorglich schon im Eingangsbereich angebrachte Spam-Filter der Öffentlichkeit nicht zugänglich.



Nachdem schon meiner übrigens prächtigen (und preisgekrönten) Yorkshire-Terrier-Lady Mata Hari der Eingang verwehrt wurde, hofften wir wenigstens auf Bewirtung durch die Jungs der Freiwilligen Feuerwehr; aber die zum Thekendienst erschienenen Herren waren zwar kernig, aber nicht in Uniform, und boten uns doch tatsächlich, trotz fortgeschrittenen Morgens, ein alkoholfreies Bier an. Der Direktor wird von mir hören.

 
Abhilfe suchend machten wir uns auf den Weg in den Keller, wo sich (nach disrespektierlichen Beschwerden über Sommerhitze im Dachgeschoss des Verwaltungsgebäudes) die neuen Gemächer des Freizeit- und Bildungswerks befinden. Kahl noch glänzen hier die Wände der begehbaren Minibar im Neonlicht, während
EU-Praktikanten frohgemut kleinere Arbeiten wie Botoxanwendungen oder Autowaschen auf dem Parkplatz übernehmen.




Freizeitwerker

Die durchtrainierten Körper der Herren der Sport- und Outdoor-Abteilung allerdings glänzen nicht, wie quite reasonably zu erhoffen, im Schweiße harten Trainings (oder wenigstens im Büro-Jacuzzi), sondern durch Abwesenheit (angeblich im Außeneinsatz, soll es doch im Sommer eine Herzogsägmühler Version des „Dschungelcamps“ geben, wobei es um naturgegebene Hindernisse wie 'Jägerzaun' und 'Peitinger Verkehrsberuhigung' geht, sowie um Aufgabenstellungen wie:

 

 

 „Betreten Sie das Stammlokal des Heimatvereins, rufen Sie: ‚Ich bin Preuße, links, ich bin schwul, und hasse Franz Josef‘. Wer es von da zu Fuß bis zur Arche schafft, gewinnt.“)

 

Ach, Testosteron, Geißel der Jugend.



However, wieder ans Tageslicht gelangt, stellte sich bei genauer Besichtigung der versprochene "Outdoor-Swimmingpool" hinter dem Gebäude als Zierteich des Förderzentrums heraus. Na schön, Amateure mögen sich davon täuschen lassen, und immerhin wird hier die „bestmögliche Ausnutzung aller Kapazitäten“ ernst genommen. – Wir erwogen noch eine kurze Auszeit an der Theke, aber heftige Zuzelgeräusche versammelter Mitarbeiter und Weißwürste erzwangen einen schnellen, formlosen Abgang. Für derart erdhafte Querverweise waren wir schließlich nicht im Pensionat.



Qualtag Fachleben



Die Aktion Lichtstärken hatte in der Weilheimer Stadthalle zum ‚Fachtag Lebensqualität’ aufgerufen, und zahllose Kollegen aus der Region folgten. Die geschmackvolle Ausrichtung dieses neuen Shopping Centers  – von Schwangerschaftsproblemen bis Alzheimer in 40 Minuten! – überzeugte selbst zögerliche Käufer vom umfassenden Angebot sozialer Dienste im Oberland.


Neulich in Weilheim



Wir selbst (Mata Hari begleitete uns) schwankten zwischen Mobbing und Menopause, schwenkten dann jedoch zur katholischen Schwangerschaftsberatung ein, da das unwiderstehliche Kokos-Vanille-Aroma ihrer Kekse nähere fachliche Erörterung unumgänglich machte.

 
Populäre Politiker gaben sich die Klinke, oder wenigstens das Mikrofon in die Hand. Der FDP-Sprecher für Sozialpolitik, MdB Jörg Rohde, bestach mit rauchgrauem Smoking, während die 1. Vizepräsidentin des Bayerischen Landtags, Barbara Stamm, der mittäglichen Stunde angemessen, einen schlichten Power-Suit unbestimmten Fabrikats präsentierte. Die von ihren Bodyguards kolportierte Marke „Burberry’s“ jedenfalls konnte aufgrund des leichten, aber bezeichnenden Farbspiels von Burgunder zu eher Hongkongtypischem Violett nicht völlig überzeugen.



Oh captain, my captain (und SÄGEBLATT-Gastlektor) Killfried Wnorr (in C&A) brachte auf der Stromgitarre eine, wie man uns erzählte, von einem gewissen Herrn Hendrix inspirierte Reggaeversion der bayerischen Nationalhymne, und mahnte (wenn wir das richtig verstanden haben) in seiner Rap-Einlage an, dass man an sozialen Netzstrümpfen nicht herumschnippeln könne, ohne dass zwangsläufig Laufmaschen entstehen.




Lichtstärken-Trampolin

Nicht ganz billig: die Tasse Kaffee; teuer: das Taxi nachhause; unbezahlbar: Landrat Brauns Reaktion bei Überreichung einer Skulptur aus Herzogsägmühler Fertigung. – Sie stellt auf dramatische Weise ein Fußballtor dar, an dem der Torwart, durch ungebremste Wucht heranstürmender Angriffe durch das Netz hindurch geschossen, gerade noch an einem Faden baumelt. Zahlreiche Mittelfeldspieler tummeln sich noch im Netz, und tragen einen Ritterschild hinter sich her. –

 

So richtig verstanden haben wir das Kunstwerk auch nicht, aber das mag daran gelegen haben, dass es während der Präsentation seitlich auf dem Boden lag.

 

Um gegen zunehmende Luft- und Umweltverschmutzung zu protestieren, wurden später vor der Stadthalle hunderte gasgefüllter Ballons losgelassen. Frech bot eine Horde umherirrender Hilfskräfte an, als Geste guten Willens Mata an ein Bündel Ballons zu binden, und ebenfalls steigen zu lassen! – Den bürgerlichen Lesern des SÄGEBLATTs pflichtschuldig über gesellschaftliche Events zu berichten, ist eine Sache, aber das geht zu weit. - Zitternd liegt Mata auf meinem Schoß, während ich diese Zeilen tippe. Seit Tagen hat sie sich nicht beruhigt. – Was mag helfen? Vielleicht ein wenig sportliche Betätigung mit dem Joystick...

 



Was sonst noch geschah...



Bei der Vernissage der Wanderausstellung ‚Wir hatten noch gar nicht angefangen zu leben’ im Foyer der Deckerhalle wurde von geschultem Fachpersonal der Cafeteria erstmals der neue alkoholfreie „Sekt“ Müller’s Partyhammer ausgeschenkt. Das Gebräu aus Traubensaft, Ginger Ale, Vanillezucker und ein paar geheimen Zutaten erwies sich allerdings – trotz rasch eintretenden Zuckerschocks bei mehreren Testpersonen, die darauf unkontrolliert zu giggeln anfingen – als nur begrenzt partytauglich; es wollte einfach keine richtige Stimmung aufkommen (was andererseits auch am Anlass der Zusammenkunft gelegen haben könnte). Wir empfehlen einen Spritzer Tabasco, Zugabe von Red Bull, und Steigerung des Koffeingehalts um etwa 7000%, dann könnte da, wie die jungen Leute heute zu sagen pflegen, doch noch ’was abgehen.



Die Weihnachtsfeier  der gemeinsamen Verwaltung und Gemeinschaftsdienste in der Cafeteria zeichnete sich, wie erwartet, durch verschiedene Entgleisungen beteiligter Mitarbeiter aus. Eine unter dem Namen Gräffin (Frechheit!) bekannte anonyme Mitarbeiterin des Boulevardblatts Herzogsägmühle Aktuell spielte den/die NikolausIn, und strippte unter lautem Applaus und anfeuernden Rufen der versammelten Belegschaft, während ein behelfsmäßig als Direktor Knorr verkleideter Conferencier wiederum anzügliche Kommentare zum Besten gab.

Diese seltsame Unentschlossenheit, in Fachkreisen als double bind bekannt, setzte sich über den Abend fort (die Linke reißt es sich vom Leibe, die Rechte zurrt es wieder dran. Kein Wunder, für eine altgediente FKK-Veteranin wie ganz die Ihre, dass die natürliche Sinnlichkeit im ‚Ort zum Leben’ des Öfteren mit neurotischen Verdrängungsmanövern traktiert wird).

Müller’s Partyhammer, was auch nicht half, kam nicht zum Einsatz; andererseits wurden ab 20:00 Uhr noch ausharrende, teilweise heldenhaft ihre Gleitzeit in Anspruch nehmende Kollegen von der Cafeteria direkt zum Alkoholkonsum gezwungen, da die Kaffeemaschine angeblich „schon gereinigt“ gewesen wäre. – Immerhin, und das stimmt uns nachsichtig, übernahm unsere gemeinsame ArbeitgeberIn die Rechnung, keineswegs eine Selbstverständlichkeit, und angesichts des in Zusammenarbeit mit unserer Bogenschützentruppe erstellten Menus von Unvorsichtigem Zugvogel auf Soße vom Herzogsägmühler Gummibären sicher auch nicht ganz billig.




Silvester in der Deckerhalle

Die Silvester-Party in der Deckerhalle kam eher schleppend in die Gänge. Nachdem die rund 3000 Gäste von als EU-Freiwilligen getarnten Mitarbeitern des Diakonischen Sicherheitsdienstes abfotografiert wurden, begrüßten die schneidig in Zivil gekleideten Conferenciers die Teilnehmer und leiteten nach dem Büffet über zum Show-Teil des Abends, der zunächst aus einem Film über das vergangene Jahr in Herzogsägmühle bestand.



Natürlich hat man, als Mitarbeiterin des SÄGEBLATTS wie auch als lokale Vertreterin natürlich verarmten preußischen Landadels, so seine Quellen, also erhielten wir streng geheime Einblicke in das beim Endschnitt des Films zensierte Material. Keck wird darin auf öffentlichen Plätzen umherlungernden Personen ein Mikrofon ins Gesicht gehalten, und gefragt, was war für Sie/Dich/Ihnen der Höhepunkt des Jahres 2006 in Herzogsägmühle. Hmm, Uschi, sagt da einer; nee, Helga ein anderer. Also ich fands toll mit Günter, murmelt, hastig davoneilend, ein dritter. –  Uns hat natürlich wieder mal keiner gefragt, aber wenn Sie das k gegen ein f austauschen und umgekehrt, fanden wir das abendliche Dribbling beim Championskicf schon recht unterhaltsam.



Mata und ich fahren jetzt erst einmal in den wohlverdienten Urlaub, auf die Malediven. All-inclusive, natürlich, und male divas doch hoffentlich inbegriffen... Wenn wir wieder zurück sind, erfahren Sie alles aus erster Hand. –




Walburga Gräfin zu Reibach-Schanker (Jugendfoto)

 

Kommen auch Sie gesund und munter im neuen Jahr!

 
Und wenn es dunkel wird, denken Sie daran,

was der Volksmund sagt:

Am Johannes eines Mannes erkennt man seine Nase.

Das kann hilfreich sein.

 

 

Bleibe die Ihre,

Burgi

 

 



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