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Leitartikel


Bruno!

 

Zum ersten Mal seit 170 Jahren gibt es einen frei lebenden Bären in Deutschland, und die bayerische Regierung gibt das Okay zum Abschuss. Das allein sollte zu denken geben.

 
Das Biest reißt also ein paar Schafe, Karnickel, und was sonst so unbeaufsichtigt herum rennt. Darauf hin schreien die betreffenden (und vom Staat für ihre mickrigen Kosten bezahlten) Züchter Zeter und Mordio, und eine Horde schussfreudiger Machos rennt in die Wälder, um Bruno umzulegen.

 
Bruno inzwischen entgeht sämtlichen Fang- und Tötungsversuchen durch illegale Grenzüberschreitungen, und geht, Gott behüte, wohin er will. In den nationalen Zeitungen bricht Nachrichtenfieber aus. Bruno killt ein Schaf (na ja, das ist, was Bären so tun); Bruno mordet ein Karnickel; Bruno malträtiert mehrere Hühner.

 

Über gesetzliche Vorschriften zur Kaninchenzucht wird ungern geredet; Hühner-KZs allerorten sind tabu, und die Chancen stehen gut, dass die, die das Reißen einiger Schafe beklagen, sich Sonntags gerne einmal zum Lammkotelett in die Gastwirtschaft setzen.

 

In der Zwischenzeit ist ganz Deutschland trotz bester diplomatischer Beziehungen nicht in der Lage, Bruno zu fangen, und zu relokalisieren. Kein Bundesgrenzschutz, keine Bundeswehr, keine BND-Satelliten, kein MAD ist in der Lage, Bruno auf zu spüren; oder wenn, dann werden sie nicht gefragt. Keiner kommt auf die Idee, Kanadier um Hilfe zu bitten (es gibt, laut offizieller Schätzung, 300.000 Bären in Kanada, und man könnte auf die Idee kommen, die in Kanada wüssten, wie mit Bruno um zu gehen sei); aber immerhin, man heuert ein finnisches Fangteam an (für vier Tage), das dem Spuk ein Ende machen soll. Mittlerweile wird die Abschusserlaubnis aufrechterhalten; ein schieres Wunder, dass inzwischen nicht mehrere Gamsbärte den Tod fanden.

 

Früher oder später wird Bruno gekillt, durch Patrone oder Patronage. Die interessantere Frage ist, warum?

 

Ein paar Vorschläge:

 

1) Es ist ein wildes Tier, und es handelt gemäß seiner Natur, oder wie Gott ihm geheißen. Danke für Ihr Verständnis.

 

2) Wir haben hier schon so gut wie alles gekillt, was natürlichen Ursprungs ist (außer dem Löwenzahn und den Gänseblümchen, aber die kriegen wir auch noch, und wenn wir alle zwei Wochen mit dem Traktor unsere Wiese niedermähen müssen). Ein tatsächlich wildes Tier passt einfach nicht mehr ins Konzept.

 

3) Ihr Heuchler. Ihr verblödet Eure Jugend mit Videospielen, Klingeltönen, und dazu gehöriger Musik, bringt der Gesellschaft das gesamtkabeldeutsche Fernsehprogramm, genetisch manipuliertes Obst und Gemüse, und zellophanverpackten Fleischersatz im Supermarkt – hoffentlich kommt Bruno bei Euch im Vorgarten vorbei, und reißt Euch kollektiv den A... – okay, das funktioniert nicht.

 

4) Dies ist eine einmalige Chance. Lasst ein bisschen Wildnis zu in diesem schalen, verplanten Leben; außer Flucht so ziemlich die einzige Gelegenheit, aus dieser Hölle heraus zu kommen – oder, nee, knallt es nieder, wo kämen wir denn da hin. – Wir treffen Euch dann auf dem Berg, wenn Ihr aus Eurem knatternden, stinkenden Diesel aussteigt, Euch per leerer Coladose verewigt, und sagt, och, Schatzi, so schön still hier.

 

5) „Bruno“ (interessante Vermenschlichung übrigens) ist Eure Antithese; aber wartet mal ab, was passiert, wenn die Nemesis kommt, die echten Wölfe. Fünfzig Jahre Spießerleben gegen 30.000 Jahre Evolution. Es ist nur einen Atomknall, oder fünfzig Jahre weiter so weit weg.

 

Ich würde mich warm anziehen. Dann sieht Bruno nämlich wie ein echter Frühstückshappen aus.

 

Wir sehen uns dann. Viel Spaß wünscht

 

mit freundlichen  Grüßen aus dem Baumhaus,

 

Ihr

 

Gottfried Kessler



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